100 Terabyte Peinlichkeiten

Quelle: Welt.de Sony Pictures ist das Opfer eines beispiellosen Datenklaus geworden. Die Folgen für das Unternehmen sind dramatisch. Die Attacke kam mit Vorwarnung. "We've got great damage by Sony Pictures", bedrohte in lausigem Englisch am 21. November ein E-Mail- Schreiber Michael Lynton und Amy Pascal, die Chefs des Hollywood-Studios Sony Pictures. Der Absender verlangte Geld. "The compensation for it, monetary compensation we want. Pay the damage, or Sony Pictures will be bombarded as a whole. Drei Tage später leuchteten auf den Computerbildschirmen der Sony-Mitarbeiter rot glühende Skelette, und am 2. Dezember machte die Hackergruppe namens "Guardians of Peace" Ernst. Die ersten von mittlerweile 600.000 Dokumenten, zusammen 230 Gigabyte, tauchten im Netz auf. Insgesamt soll das Vierhundertfache, nämlich 100 Terabyte, abgesaugt worden sein. Vertrauliche EMails gehören dazu, Gehaltslisten und gut gehütete Geschäftsgeheimnisse. Was dem Hollywood-Studio Sony Pictures, Tochter des japanischen Konzerns, gerade widerfährt, ist ohne Beispiel – und doch eine Vorahnung davon, was noch bevorstehen könnte im digitalen Zeitalter: die nachhaltige Beschädigung, ja vielleicht sogar die völlige Zerstörung von Firmen durch die Veröffentlichung vertraulicher Informationen. Um die Sony-Akten wälzen zu können, muss man sich ihrer erst bemächtigen. Ein guter Ausgangspunkt ist die Raubkopienbörse "Pirate Bay", die Dokumente zwar nicht beherbergt, aber ihre Besitzer verlinkt. "Pirate Bay" wurde zwar am Dienstag von den schwedischen Behörden geschlossen, tauchte aber mit einer Costa-Rica-Endung ein paar Stunden später wieder im Netz auf. Über "Pirate Bay" findet man zwei lange Listen mit Dateien, die so groß sind, dass man sie mit einem handelsüblichen Word-Programm nicht einmal öffnen kann – aber auch eine Liste von zehn EMail- Adressen, über die man zu den Dokumenten gelangen soll. Eine kurze Mail an alle zehn Adressen liefert bald die erhoffte Antwort: "Hi, ich bin der Boss von GOP", meldet sich ein Michael Lewis und schickt einen Link zum Datenportal "Pastebin", wo man weitere Verbindungen zu Datenportalen findet. Eine regelrechte Schnitzeljagd also, auf die man sich nicht mit der eigenen IPAdresse begeben sollte. Zum einen ist es generell sinnvoll, Leuten wie "Michael Lewis" mit einem eigenen Pseudonym entgegenzutreten. Außerdem sind die besagten Daten rechtlich gesehen Diebesgut – und ob deren Aufruf zu Recherchezwecken nach deutscher Rechtslage legal ist, darüber streiten die Gelehrten. Nun muss man natürlich wissen, wonach man suchen will. Sony Pictures' Deutschlandchef heißt Martin Bachmann. Und die Eingabe seines Nachnamens liefert auch Resultate: die Privatadresse, Daten von Geschäftsreisen, den bis 2019 verlängerten Mietvertrag für die Büros am Potsdamer Platz in Berlin. Man erfährt auch, wie überaus zufrieden die Firmenbosse in Los Angeles mit Bachmann sind. Allein 70.000 E-Mails von und an Amy Pascal im Lauf der vergangenen zwölf Monate finden sich in den Dateien. Amy Pascal: "Lass uns mal wieder reden." Tom Cruise: "Liebe Amy. Super, sag mir wann. Beste Grüße, Tom." Das ist von der harmloseren Sorte. Anderes ist privater. Ein gewisser Mr. Wu etwa (Ex-Präsident der Sun Media Group in China) überschlägt sich in seinen Anstrengungen, der adoptionswilligen Pascal ein chinesisches Kind zu beschaffen, und macht sogar ein konkretes Angebot: "Das Mädchen ist vier, aus Hunan, sehr gesund. Exzellent." Dann wird es heftiger. Jeffrey Zimmer, Chef der United Talent Agency, zieht am 15. Oktober über ein anderes Studio her: "Warum sind die Leute von MGM so behindert?" Pascal macht mit: "Die talentlosesten Leute, die ich je getroffen habe … stimmt nicht. Aber so lahm." MGM wird nicht so schnell wieder mit einer der wichtigen Talent-Agenturen Hollywoods arbeiten. Am 23. April schreibt Pascal an den Regisseur David Fincher, der für sie "The Social Network" und "Verblendung" gedreht hatte: "Wirst Du mich irgendwann mal zurückrufen?" Finchers Antwort ist kurz: "Nein." Wenige Tage zuvor hatte er erfahren, dass Sony ihn als Regisseur der heiß erwarteten Steve-Jobs-Filmbiografie hinauswarf; das Projekt liegt nun bei Universal. Sony hat es sich also mit einem der begehrtesten Regisseure der Gegenwart verdorben, und der Produzent Scott Rudin macht Pascal die heftigsten Vorwürfe: "Du hast über Dein Benehmen bei diesem Film Deine Beziehungen zur halben Stadt (Hollywood, d. Red.) zerstört. Du hast Dich scheußlich benommen, und es wird sehr, sehr lange dauern, bevor ich vergesse, was Du diesem Film angetan hast." Es geht noch schlimmer. Die Streitigkeiten hatten bereits im Februar begonnen, weil Angelina Jolie sich Fincher als Regisseur ihres "Kleopatra"-Films wünschte; dazu musste er von "Jobs" abgezogen werden. Rudin war gegen das "Kleopatra"-Projekt – "angesichts des Wahnsinns und des sich austobenden Egos dieser Frau und der Kosten dieses Films" – und attackierte Jolie noch direkter: "Sie ist eine minimal talentierte, verwöhnte Göre ... Sie ist eine Kunstfigur und ein Promi, und damit hat es sich, und das Letzte, was irgendjemand braucht, ist ein gigantischer Flop mit ihr, den jeder auf zehn Meilen vorhersehen kann." Das Filmgeschäft ist eines, in dem persönliche Beziehungen über alles gehen, und Dutzende solcher Vertrauensverhältnisse werden Sony-Leaks nicht überleben. Wenig amüsiert dürfte auch Barack Obama sein. Vor einem Dinner beim Präsidenten rissen Pascal und Rudin E-Mail-Witze darüber, welche Filme er mögen könnte: "Django Unchained?" "Twelve Years A Slave"? "The Butler"? Das grenzt an Rassismus, denn die einzigen Filme, die den beiden einfallen, sind Filme über schwarze Sklaven. Und damit nicht genug. Eine Tabelle mit dem Titel "Comp Roster by Supervisory Organization 2014-10-21" enthält Details über Gehälter und Bonusse Tausender Sony-Angestellter. Wie sich zeigt, sind unter den Spitzenverdienern fast ausschließlich weiße Männer. Man sieht schon findige Anwälte vor sich, die Klagen wegen Diskriminierung von Frauen und Minderheiten aufsetzen; weitere Dokumente enthüllen, dass es solche Klagen schon gab, die aber mangels Beweisen nicht durchdrangen. Und was ist mit dem am besten gehüteten Geheimnis aller Studios, den tatsächlichen Gewinnen eines Films nach Abzug aller Kosten? Auch dies ist bei Sony nun kein Geheimnis mehr. In den Lecks finden sich genau diese "Ultimates": "Das ist das Ende" mit James Franco erlöste 50 Millionen Dollar, "Kindsköpfe 2" mit Adam Sandler 48 Millionen, "Captain Phillips" mit Tom Hanks 39, selbst der als Flop betrachtete "Monuments Men" mit George Clooney noch zehn. Dass diese Zahlen öffentlich werden, kann handfeste Folgen haben. Viele Stars handeln Gewinnbeteiligungen aus, und sollte das Studio bei der Abrechnung geschummelt haben, dürfte es eine Prozesslawine geben. Vor einigen Monaten sah sich Sony schon Schadenersatzforderungen gegenüber, weil 77 Millionen Nutzerdaten seines Playstation-Netzwerks gehackt worden waren; die Firma kam mit 15 Millionen Dollar davon, die sie hauptsächlich mit der Verteilung von Gratis-Spielen beglich. Die neue Hack-Aktion machte nun die Sozialversicherungsdaten Tausender Sony-Angestellter zugänglich. Und, um den Vernichtungsangriff zu komplettieren, stellten Hacker – es müssen nicht dieselben sein – fünf brandneue Sony- Produktionen ins Netz, darunter den Brad-Pitt-Panzerfilm "Herz aus Stahl", der erst im Januar in die Kinos kommt. Kurz davor, nämlich an Weihnachten, soll in Amerika ein weiterer neuer Sony-Film Premiere feiern: Seth Rogen spielt in "The Interview" einen amerikanischen Journalisten, der von der CIA nach Pjöngjang geschickt wird, um Kim Jong-un zu ermorden. Zu den gehackten Mails zählt auch eine von Kazuo Hirai. Der oberste Sony-Chef fordert darin eine Entschärfung der Schlussszene. Pascal kontaktierte Rogen, der zurückmailte: "Wir werden es weniger grausam machen. Derzeit sind vier Brandwunden in seinem Gesicht. Wir werden drei davon rausnehmen und nur eine drinlassen. Wir werden das brennende Haar um 50 Prozent reduzieren … Die Explosion des Kopfes kann nicht weiter verharmlost werden, weil wir ehrlich gesagt das Gefühl haben, dass, wenn wir es mehr verharmlosen, man nicht mehr erkennt, dass er explodiert, und der Witz dann nicht mehr funktioniert." Nach einigen Überarbeitungen schickte Rogen eine Mail an Pascal: "Das ist es!!! Wir haben das Feuer vom Haar entfernt sowie die komplette zweite Welle von herumfliegenden Kopfstücken. Bitte sagt uns, dass es das jetzt ist. Vielen Dank!!" Steckt vielleicht Nordkorea hinter dem Datenklau? Naheliegend erscheint es, doch das FBI hält diesen Verdacht für abwegig. Eine zweite Theorie macht Ex-Mitarbeiter verantwortlich, weil sich die Hacker im Sony-Netzwerk offensichtlich ausgezeichnet auskennen – und dort monatelang unbemerkt geschnüffelt haben müssen. Sicher scheint bisher nur, dass die ersten Dokumente über das WLAN-Netz des "St. Regis"-Hotels in Bangkok ins Internet gelangten. In Hollywood erinnert man sich des fast 20 Jahre alten Films "Hackers" mit der jungen Angelina Jolie. Die Wall Street wird darin von Hackern lahmgelegt, der Haupttäter will nach Asien fliehen, wird aber im Flugzeug verhaftet. So einfach dürfte es diesmal nicht werden. © Axel Springer SE 2014.